Jeder Mensch kennt es, wir sind manchmal hin und her gerissen, wissen nicht, was wir tun sollen, was das richtige für uns ist. Wir möchten etwas, fühlen uns aber blockiert. Wir sind emotional total aktiviert, obwohl es vielleicht nur eine Kleinigkeit ist, was uns in dem Moment auch klar ist. Eine innere Stimme, die Sie ständig kritisiert oder runterzieht. Das alles können Beispiele sein, für Momente, in denen der Zugang zu unseren inneren Anteilen hilfreich ist.
Aus psychologischer Sicht ist das völlig normal. Wir alle bestehen aus unterschiedlichen inneren Anteilen, die im Laufe unseres Lebens entstanden sind. Sie haben bestimmte Aufgaben übernommen, um uns zu schützen, uns anzupassen oder schwierige Erfahrungen zu bewältigen. Die sogenannte Anteilearbeit hilft dabei, diese inneren Prozesse besser zu verstehen und einen liebevolleren Umgang mit sich selbst zu entwickeln.
Der erste Schritt: Die eigenen Anteile kennenlernen
Wenn Sie sich mit Ihren inneren Anteilen beschäftigen möchten, kann es hilfreich sein, zunächst neugierig zu beobachten, welche unterschiedlichen Seiten in Ihnen aktiv sind.
Dafür müssen Sie sich nicht sofort intensiv damit auseinandersetzen. Oft genügt es, über einige Wochen hinweg aufmerksam durch den Alltag zu gehen und sich Notizen zu machen, wenn Ihnen etwas auffällt. Manche Menschen schreiben ihre Beobachtungen spontan auf, andere nehmen sich bewusst Zeit für ein Tagebuch oder Journaling. Beides kann ein guter Weg sein.
Fragen, die Ihnen dabei helfen können:
- Welche Gedanken oder inneren Sätze wiederholen sich immer wieder?
- Welche Gefühle sind damit verbunden?
- Gibt es typische Stimmungen, die dazugehören?
- Wie verändert sich meine Körperhaltung?
- Wie fühlt sich meine Atmung an?
- Spüre ich bestimmte Empfindungen immer wieder an denselben Stellen im Körper?
- Zeigt sich dieser Anteil in einem bestimmten Verhalten?
- Tauchen innere Bilder, Farben oder Symbole auf?
Manchen Menschen hilft es auch, sich ihre Anteile bildlich vorzustellen:
- Wie würde dieser Anteil aussehen?
- Wie spricht er?
- Welche Stimme hat er?
- Welchen Gesichtsausdruck trägt er?
- Wo befindet er sich in meinem inneren Erleben?
Wichtig ist dabei eine neugierige, offene und möglichst wertfreie Haltung. Es geht nicht darum, etwas zu verändern oder zu bewerten, sondern zunächst darum, wahrzunehmen.
Jeder Anteil verfolgt eine gute Absicht
Ein zentraler Gedanke der modernen Anteilearbeit ist, dass selbst belastende oder unangenehme Anteile ursprünglich eine Schutzfunktion haben. Die innere Kritikerin möchte vielleicht verhindern, dass wir Fehler machen. Ein ängstlicher Anteil versucht möglicherweise, uns vor Verletzungen zu schützen. Ein Rückzugsanteil hilft uns vielleicht dabei, mit Überforderung umzugehen.
Daher lohnt es sich, folgende Fragen zu stellen:
- Was möchte dieser Anteil für mich erreichen?
- Wovor versucht er mich zu schützen?
- Wann ist er vermutlich entstanden?
- Welche Erfahrungen könnten dazu beigetragen haben?
Allein die Anerkennung der ursprünglichen Schutzfunktion kann oft bereits zu mehr innerer Entspannung führen. Diese Fragen sollen Sie nicht alle auf ein Mal stellen, das hier sind erste Ideen, wie man sich dem annähern kann. Wichtig ist eine offene Haltung und die ist manchmal schwierig und braucht Zeit. Es geht darum ein wenig in die beobachtende Haltung zu gehen und zu schauen, „wie ist das eigentlich?!“. Eine Haltung, wie wenn Sie sich ein Gemälde anschauen oder in eine Ausstellung gehen oder etwas interessantes neues zum ersten Mal sehen, kann dabei helfen.
Mit den Anteilen ins Gespräch kommen
Mit zunehmender Übung wird häufig sichtbar, dass manche Anteile eng zusammenarbeiten, während andere miteinander in Konflikt stehen.
Manchmal bilden sich regelrechte „Teams“ im Inneren. Ein perfektionistischer Anteil kann beispielsweise gemeinsam mit einem ängstlichen Anteil auftreten. Andere Anteile stehen sich eher gegenüber, etwa der Wunsch nach Sicherheit und der Wunsch nach Freiheit.
In der therapeutischen Arbeit kann es hilfreich sein, diese Anteile zu interviewen:
- Was möchtest du mir mitteilen?
- Was brauchst du von mir?
- Was würdest du gerne verändern?
- Was schlägst du vor, dass ich tue?
- Wie würde es dir gehen, wenn das, was du für mich erreichen möchtest, bereits vorhanden wäre?
Durch diesen inneren Dialog entsteht häufig mehr Verständnis für die eigenen Reaktionen und Gefühle.
Der innere Kern – mehr als unsere Symptome
Viele therapeutische Ansätze gehen davon aus, dass hinter all unseren Anteilen ein gesunder innerer Kern existiert. Je nach Modell wird dieser unterschiedlich bezeichnet: als „wahres Selbst“, „innerer Kern“, „True Self“ oder „gesunder Erwachsener“.
Gemeint ist damit jener Teil in uns, der nicht von unseren Verletzungen, Ängsten oder belastenden Lebenserfahrungen bestimmt wird.
Typische Qualitäten dieses inneren Kerns sind:
- Mitgefühl
- innere Ruhe
- Klarheit
- Freundlichkeit
- Akzeptanz
- Selbstfürsorge
- ein liebevoller Blick auf sich selbst
In vielen therapeutischen Prozessen geht es darum, den Zugang zu diesem gesunden Kern zu stärken. Aus dieser inneren Haltung heraus können belastete Anteile verstanden und begleitet werden, ohne von ihnen überwältigt zu werden.
Stärkende Anteile bewusst entwickeln
Neben dem Verständnis für belastete Anteile kann es ebenso hilfreich sein, stärkende innere Seiten gezielt zu fördern.
Vielleicht möchten Sie mehr Gelassenheit entwickeln. Oder mehr Selbstvertrauen, Selbstmitgefühl, Lebensfreude oder innere Sicherheit.
Diese stärkenden Anteile erzählen oft eine andere Geschichte als jene Anteile, die von Angst, Scham oder Selbstkritik geprägt sind. Je häufiger wir ihnen Raum geben, desto mehr können sie Teil unseres alltäglichen Erlebens werden.
Das innere Kind begleiten
Ein wichtiger Bereich der Anteilearbeit ist die Arbeit mit dem sogenannten inneren Kind.
Dabei geht es um jüngere Persönlichkeitsanteile, die oft frühe Erfahrungen, Bedürfnisse und Gefühle in sich tragen. Diese Anteile benötigen häufig Verständnis, Sicherheit und emotionale Zuwendung.
Ziel ist nicht, belastende Erfahrungen ungeschehen zu machen. Vielmehr lernen wir, unserem inneren Kind heute das zu geben, was vielleicht früher gefehlt hat: Verständnis, Schutz, Trost und liebevolle Begleitung.
So entsteht Schritt für Schritt eine neue innere Beziehung zu sich selbst.
Ressourcen nutzen und den Zustand verändern
Wenn starke Gefühle oder Symptome auftreten, kann es hilfreich sein, bewusst auf innere Ressourcen zurückzugreifen.
Dazu gehören beispielsweise:
- angenehme Erinnerungen
- sichere Orte in der Vorstellung
- positive Beziehungserfahrungen
- beruhigende Körperübungen
- Momente von Verbundenheit, Freude oder Stolz
Das bewusste Aktivieren solcher Ressourcen kann helfen, den inneren Zustand zu verändern und wieder mehr Stabilität zu erleben.
Fazit
Anteilearbeit ermöglicht einen wertschätzenden Zugang zu den verschiedenen Seiten unserer Persönlichkeit. Statt gegen innere Konflikte anzukämpfen, lernen wir, sie besser zu verstehen.
Wenn wir erkennen, welche Aufgaben unsere Anteile übernommen haben und welche Bedürfnisse dahinterstehen, entsteht oft mehr Selbstmitgefühl, innere Klarheit und Handlungsfreiheit.
Der Weg führt dabei nicht zur Beseitigung einzelner Anteile, sondern zu einem inneren Miteinander – getragen von einem gesunden, liebevollen Kern, der lernen darf, die Führung zu übernehmen.
In meiner therapeutischen Arbeit nutze ich Elemente der Anteilearbeit, um gemeinsam mit meinen Klientinnen und Klienten innere Muster besser zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
